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„Das Meer der Bitterkeit“

“Weil die Opfer des Kommunismus so viele Jahre hindurch vergessen, verleugnet und sogar verhöhnt wurden, haben wir uns im Umgang mit der Diktatur in der Forschung an den Gebrauch des wissenschaftlichen Tonfalls zu Lasten der Gefühlsgehalte gewöhnt.

Wo wir Dokumente fanden, hielten wir uns an sie, wo sie unauffindbar blieben, wiesen wir auf die Lücken hin; wo wir die Opfer zählen konnten, taten wir es, wo dies unmöglich war, mussten wir uns auf das Ungefähre der Schätzung beschränken. Doch selbst bei Wahrung entschiedenster Vorsicht – um jeder Kritik wegen Übertreibung vorzubeu­gen – machen wir uns, weil wir ihn in den Bruchteil einer Ziffer pressen, jedem Einzelnen gegenüber schuldig, den „das Meer der Bitterkeit“ verschlang, wie der Dichter Mihai Eminescu (1850-1889) sagen würde, Ziffern sind per definitionem distant, kalt.

In jedem Atom dieses Universums des Leids verbirgt sieh ein Mensch, ein Lebenslauf, der die Kreise der Hölle durchmaß und den die Gedanken, Gefühle und das Erinnern nicht mehr loslassen.

 

 

 

Jeder Fall für sich betrachtet, erschüttert den Kenner der Materie stärker als die abgeschlossene Statistik der nach Millionen zählenden Fälle. Der Blick ins einzelne Gesicht macht mehr verständlich als der Anblick ganzer Sklavenzüge. Der Historiker, der in Sighet umkam, weil er sich weigerte, seine Schriften zu verleugnen; der alte Oberst, der an allen Fronten des Krieges gekämpft hatte und dann an der Blutvergiftung zugrunde ging, die er sich bei der Zwangsarbeit auf den Reisfeldern infolge der Hautverletzungen durch Blutegel holte; die drei Kinder aus dem Banat – ein einjähriger Zwil­ling und der ältere Bruder -, die in der Erdhütte der Bărăgansteppe erfroren; der Student, der sich in Piteşti entleibte, um die Torturen der „Umer­ziehung“ nicht mehr ertragen zu müssen; der Bauer mit einem Joch Grund, der im Gefängnis verendete, weil er einen Beschwerdebrief schrieb; die als „Volksfeinde“ von der Schule gewiesenen Söhne und Töchter; die Frauen, die sich zur Ehescheidung von ihren eingekerkerten Männern gezwungen sahen, um die Kinder und sich selber vor der Belastung mit „Kaderdossiers“ zu bewahren; der Gelehrte, der sich opferte, um dem in der Zelle an Lungenentzündung erkrankten Jungen das Leben zu retten; die großen Staats­gründer von 1918, die in den Schimmelverliesen von Galatz, Si-ghet, Aiud oder Râmnicu Sărat verkamen…

…Alle diese Momentaufnahmen sind Anklagen gegen ein Verbrecherregime, das uns für die Dauer eines halben Jahrhunderts von Europa losriss und alles tat, uns vergessen zu lassen, wer wir sind.”

Romulus Rusan (2006)

2015

 

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